Nekrose und lange Schwänze passen nicht gut zusammen

Die Beibehaltung von Long Tails ist nur möglich, wenn SINS nicht auf Farmebene gefunden wird.
Die Beibehaltung von Long Tails ist nur möglich, wenn SINS nicht auf Farmebene gefunden wird.

Die Haltung von Langschwänzen ist nur auf Betrieben möglich, die nicht an (Ohren- oder Schwanz-) Nekrose leiden, einem Phänomen, das auch als SINS bekannt ist. Diese Schlussfolgerung lässt sich mit den derzeit verfügbaren Erkenntnissen ziehen.

Formal ist das Kupieren des Schwanzes in den Niederlanden nicht erlaubt – es darf nur in Ausnahmefällen durchgeführt werden. In der Praxis führt dies jedoch dazu, dass routinemäßiges Andocken in relativ großem Umfang durchgeführt wird. Diese Praxis wird jedoch sehr wahrscheinlich im Jahr 2030 enden. Daher muss die Schweinehaltung einen Weg finden, Schweine mit langen Schwänzen halten zu können. Das ist eine Herausforderung, da die Forschung zeigt, dass auf praktisch allen Farmen eine Form von Nekrose vorhanden ist.

Ein gesundes Schweineohr.
Ein gesundes Schweineohr.

Durchblutungsproblem

Nekrose ist ein Durchblutungsproblem, das durch einen beschädigten, undichten Darm verursacht wird, wodurch Endotoxine in den Blutkreislauf gelangen und übermäßige Entzündungsreaktionen und Durchblutungsstörungen verursachen können. „Dafür können verschiedene Stressfaktoren verantwortlich sein: Hitzestress, eine Ernährungsumstellung, aber auch eine Infektion durch zum Beispiel PIA [porcine intestinal adenomatosis – also known as ileitis]“, sagt Rutger Jansen vom Tiergesundheitsunternehmen Boehringer Ingelheim. „Alle Faktoren zusammen können den Eimer zum Überlaufen bringen.“

Nicht nur Schweine reagieren darauf empfindlich; Bei Pferden beispielsweise können Darmprobleme zu Hufrehe führen. Bei Rindern können Klauenprobleme aufgrund einer subklinischen Pansenazidose, auch bekannt unter der Abkürzung SARA (subakute Ruminalazidose), entstehen, die Endotoxine in die Blutbahn freisetzt.

deutsche-forschung

Der Tierarzt und Genetiker Professor Dr. Gerald Reiner, Leiter der Abteilung Schweine an der Justus-Liebig-Universität Gießen, hat das Syndrom Swine Inflammation and Necrosis Syndrome (SINS) getauft und forscht an seiner genetischen Ursache. Diese Forschung geht über den Charakter der Eberlinie hinaus. SINS ist eine Kombination aus einer klinischen Entzündung von innen und dem Vorhandensein von abgestorbenem Gewebe oder Nekrose.

Ein gesunder Zopf.
Ein gesunder Schweineschwanz.

Die deutsche SINS-Forschung hat Priorität

Mirjam Lechner, Beraterin und Tiersignaltrainerin, arbeitet eng mit Prof. Reiner in der SINS-Forschung zusammen und weist darauf hin, dass viele Faktoren bei der Herangehensweise an SINS wichtig sind. „Zunächst muss der genetische Faktor beachtet werden, um Nutzschweine mit langen Schwänzen halten zu können“, sagt Lechner. Dass eine Lösung für SINS ganz oben auf der deutschen Agenda steht, zeigt die Tatsache, dass in den Bundesländern viel Geld für Forschung und Haltung von Langschwanztieren zur Verfügung steht. Bayern investiert mehr als 1 Mio. € in ein Zuchtprojekt, um Tiere mittels Gentests auf SINS zu bewerten.

Neben der Beachtung von Faktoren, die dazu führen, dass Tiere aus Unbehagen beißen – wie Stress, schlechtes Klima, Überfüllung oder Ernährung – wird SINS in den Niederlanden jetzt mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Die Zuchtorganisation Topigs Norsvin richtet einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit auf das Verhalten und bezieht SINS in eine laufende Studie ein.

SINS bei neugeborenen Ferkeln

Ein von Nekrose befallener Schwanz bei einem neugeborenen Ferkel.  In den ersten drei Tagen nach der Geburt sind SINS bei Ferkeln an Klauen, Zitzen und Schwanz nachweisbar.
Ein von Nekrose befallener Schwanz bei einem neugeborenen Ferkel. In den ersten drei Tagen nach der Geburt sind SINS bei Ferkeln an Klauen, Zitzen und Schwanz nachweisbar.

„Bei SINS kommen alle Faktoren zusammen, einschließlich Genetik, Buchtendesign, Klima, Futterzusammensetzung, Mykotoxine, Raufutter, Buchtenanreicherung, aber auch Wasserversorgung“, sagt Karien Koenders, Tierärztin in der Praxis Lintjeshof mit Hauptsitz in Nederweert im Süden der Niederlande. „SINS liefert für mich eine biologische Erklärung für (Darm-)Infektionen von innen und liefert auch Hinweise für die Zukunft, Tiere mit langen Schwänzen zu halten.“ Das beginnt bei der Tragzeit und den neugeborenen Ferkeln.

Koenders schaut sich die Ferkel nun anders an und inspiziert unter anderem die Ohren und Krallen neugeborener Ferkel. „Um das Syndrom zu erkennen, verwenden wir eine Wärmebildkamera, die zum Beispiel geschwollene warme Blutgefäße in den Ohren zeigt. Schließlich können die kleinen Blutgefäße in den Ohrstöpseln durch die Entzündung verstopft werden. Dann wird die Durchblutung gestört und wir sehen ein kühleres Bild auf Höhe der Ohr- und Schwanzspitzen. Ich sehe die Symptome von SINS bei neugeborenen Ferkeln auf jedem Betrieb mehr oder weniger stark“, sagt Koenders. „Ein mit SINS geborenes Ferkel liegt im Rahmen einer Ohren- oder Schwanznekrose bereits 1:0 zurück.“

Der Lösungsansatz wird auf jedem Betrieb anders sein. Das kann die Verringerung des Buchtenbesatzes, die Bereitstellung von mehr Raufutter oder mehr und besserer Buchtenanreicherung oder die Gabe von Tonmineralien zur Bindung von Mykotoxinen sein. Für jedes Unternehmen gilt, dass die Wasseraufnahme erhöht werden muss. Besonders für die abgesetzten Ferkel ist dies die oberste Priorität, um Abfälle entsorgen zu können.

Eine Ohrnekrose tritt bei neugeborenen Ferkeln nur dann auf, wenn ein hoher SINS-Infektionsdruck, einschließlich einer Streptococcus suis-Infektion, besteht.
Eine Ohrnekrose tritt bei neugeborenen Ferkeln nur dann auf, wenn ein hoher SINS-Infektionsdruck, einschließlich einer Streptococcus suis-Infektion, besteht.

Ohrnekrose bei abgesetzten Ferkeln

Das Tierernährungsunternehmen Agrifirm ist auch in der Überwachung von abgesetzten Ferkeln in Kombination mit Wärmebildern aktiv. „Im Moment beschäftigen wir uns weniger mit SINS bei neugeborenen Ferkeln und Sauen, was etwas für den langfristigen Fokus ist“, sagt Tim van Sprang, Tierarzt und Verkaufsleiter bei Agrifirm. „Wir setzen auf einen guten Start nach dem Absetzen, mit dem wir Durchfall vorbeugen und eine gute Darmgesundheit fördern wollen. Darüber hinaus vermuten wir stark, dass die Thermoregulation des Ferkels auch einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Ohrnekrose bei abgesetzten Ferkeln hat“, sagt Van Sprang.

„Auf den von uns aufgenommenen Wärmebildkamerabildern sehen wir, dass Ferkel in Ställen mit Ohrnekrose deutlich wärmere Ohren haben als in Ställen ohne Ohrnekrose. Wir vermuten stark, dass ein Ferkel zuerst Fieber bekommt und sich danach eine Ohrnekrose entwickelt.“ Agrifirm verwendet auch den Healthy Climate Monitor, der das Klima im Stall 24 Stunden am Tag in Kombination mit Kamerabildern überwacht.

Eine Lösung gegen Ohren- und Schwanzbeißen ist nicht nur für das Wohlbefinden der Tiere notwendig; es spielt auch ein wirtschaftlicher aspekt eine rolle. Ein Ferkel mit Ohrnekrose ist schwieriger zu verkaufen, besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Ein Finisher mit angebissenem Schwanz passt auch nicht in ein Tierhaltungskonzept mit langen Schwänzen als Anforderung. Außerdem darf ein Schwein mit offener Wunde nicht transportiert werden, auch nicht zum Schlachthof. Gleichzeitig bedeutet eine Immun- und Entzündungsreaktion einen zusätzlichen Bedarf an Futter (Aminosäuren und Energie) für den Körper, wodurch die Futteraufnahme und die Effizienz verringert werden.

Waninge

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